Der neue Stift
Von Nicole Angela Buck ·

Bei uns im Schwäbischen heißt der Lehrling Stift. Der Neue in der Werkstatt, eifrig, schnell, und er macht auch mal Fehler. Bevor etwas rausgeht, schaut der Meister drüber. Genau so arbeite ich inzwischen mit meiner KI. Sie ist mein neuer Stift, sie lernt schnell, und freigeben tu ich.
Wenn Du einen Handwerksbetrieb führst, kennst Du dieses Prinzip in- und auswendig. Du gibst dem Stift eine Aufgabe, zeigst ihm, wie Du es haben willst, und am Ende prüfst Du. Mit der KI ist es dasselbe.
Gold liegt auf der Baustelle
Auf der Baustelle läuft es. Der Betrieb ist ausgelastet, die Leute sind eingeteilt. Liegen bleibt, was danach kommt. Die Stellenanzeige steht seit drei Wochen im Entwurf, weil der erste Satz nicht sitzt. Die Antwort auf die Reklamation liegt seit Freitag da. Und das letzte Bild auf Instagram ist von Ostern.
Dabei redest Du jeden Tag Gold. Du erklärst einer Kundin, warum sich die bessere Lösung auf Dauer rechnet. Du beruhigst am Telefon jemanden, der Angst vor Dreck und Lärm hat. Du sprichst zwischen zwei Terminen eine Sprachnachricht ins Handy, die genau auf den Punkt kommt. In diesen Sätzen steckt Deine Art zu reden, so wie Deine Kundschaft Dich kennt.
Seit 1998 arbeite ich mit Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben: mit Malern, Elektrikern und Bauunternehmen, genauso mit Metzgereien und Gartenbaubetrieben. Für sie habe ich Anzeigen, Websites, Flyer und Broschüren gemacht. Manche der besten Sätze darin habe ich selbst erfunden. Immer öfter aber sind sie einfach im Gespräch gefallen, nebenbei, vom Chef. Meine Arbeit war, sie aufzuschreiben, bevor sie verpuffen. Heute hilft mir dabei ein Assistent, der im Gespräch mitschreibt, natürlich nur, wenn mein Gegenüber einverstanden ist.
Denn sonst passiert genau das. Zwischen dem guten Gedanken und dem fertigen Text klafft eine Lücke. Diese Lücke kann Dein Stift schließen. Dafür braucht er allerdings eine ordentliche Einweisung.
So lerne ich meinen Stift an
Bei mir gibt es dafür fünf Schritte. Zu jedem gehört eine Prüffrage, die ich mir stelle, bevor’s weitergeht. Ich nenn das mein STIFT-Prinzip. Damit es greifbar wird, gehen wir es an einem Beispiel durch.
S wie Sammeln.
Zuerst fängst Du das Gold ein, das Du ohnehin jeden Tag redest, im Kundengespräch, am Telefon, in der Sprachnachricht. Ein Satz genügt, solange er echt ist. Und dabei gilt: Der Stift kriegt keine Kundennamen, keine Adressen, keine Rechnungsnummern. Der Satz zählt, nicht wer ihn gesagt hat.
Im Beispiel: Eine Kundin sagt bei der Abnahme, sie habe sich jahrelang nicht getraut, das alte Bad anzufassen. Das ist Dein Satz.
Prüffrage: Habe ich einen echten Satz von mir oder von meiner Kundschaft?
T wie Thema.
Jeder Text bekommt genau eine Kernaussage. Wer drei Botschaften in einen Beitrag packt, verliert die Leute schon bei der zweiten.
Im Beispiel: Ein Umbau ist weniger schlimm, als viele befürchten.
Prüffrage: Kann ich sie in einem Satz sagen?
I wie Intention.
Jetzt erst darf die KI ran, und zwar mit Deinen Worten und mit einem Ziel. Soll der Text Dich bekannt machen, ein Gespräch anstoßen oder im Kopf bleiben? Das sind drei verschiedene Texte, und Dein Stift muss wissen, welchen Du willst.
Im Beispiel: Du gibst ihm den Satz der Kundin, die Kernaussage und den Auftrag: Schreib einen kurzen Beitrag für Leute, die ihr altes Bad seit Jahren vor sich herschieben. Am Ende sollen sie Lust haben, anzurufen.
Prüffrage: Weiß die KI, was der Text bewirken soll?
F wie Feinschliff.
Raus geht nur, was Du unterschreiben würdest. Mein Tipp aus der Praxis: Lies den Entwurf laut vor. Beim Überfliegen klingt fast alles okay, laut gelesen hörst Du sofort, wo es hakt. Und prüf jede Zahl, jeden Preis und jede Behauptung. Wenn der Stift nicht weiterweiß, erfindet er auch mal was, und zwar so überzeugend, dass es beim schnellen Lesen niemand merkt.
Im Beispiel: Der Entwurf beginnt mit „Träumen Sie auch von einem neuen Bad?“ So würdest Du am Telefon nie anfangen. Also raus damit, und der Satz der Kundin kommt an den Anfang.
Prüffrage: Würde ich das so am Telefon sagen?
T wie Takt.
Lieber gscheit als oft, aber dann regelmäßig. Ein Beitrag jede Woche, den Du durchhältst, bringt Dir mehr als fünf in einer Woche und dann zwei Monate Funkstille.
Im Beispiel: Der Beitrag geht am Dienstag raus, wie jeden Dienstag. Und nächste Woche ist der nächste Satz dran.
Prüffrage: Schaffe ich diesen Rhythmus auch in einer vollen Woche?
Wo es meistens hakt
Die meisten fangen beim I an. Das Chatfenster geht auf, und die KI legt los, bevor man selbst weiß, was man eigentlich sagen will. Heraus kommt ein Text, der ordentlich klingt und nach niemandem. Die KI füllt jede Lücke mit dem Durchschnitt aus dem, was am häufigsten geschrieben wird. Deshalb steht dann in Deinem Entwurf „Qualität und Zuverlässigkeit seit 1985“. Das steht auch auf dem Lieferwagen vom Betrieb drei Orte weiter.
Schick Deinen Stift zum Kunden und sag ihm nur: „Mach mal was Schönes.“ Du weißt, was zurückkommt. Bei der KI erwarten wir trotzdem genau das und wundern uns über Allerweltstexte.
Dabei dauern die zwei Schritte davor oft keine fünf Minuten. Ein Satz aus dem letzten Kundengespräch, eine Kernaussage, und schon hat Dein Stift etwas in der Hand. Der Text klingt dann nach Deinem Betrieb, weil er aus Deinem Betrieb kommt.
Die Freigabe bleibt bei Dir
Was mir an diesem Bild so gefällt, ist die Rollenverteilung. Ein Stift ist fleißig und schnell, er nimmt Dir Arbeit ab, die Dich sonst den Feierabend kostet. Die Verantwortung liegt trotzdem beim Meister. Dein Name steht auf dem Schild, Dein Name steht unter dem Angebot, und Dein Name steht auch unter jedem Text, der rausgeht. Wenn ein Text danebengeht, ruft die Kundin nicht die KI an.
Bei Bildern bin ich noch strenger. Der Stift darf Dein Foto gerade rücken, aufhellen und den Eimer am Rand wegschneiden. Die Wand erfinden darf er nicht. Deine Kundschaft kauft die Arbeit, die Du gemacht hast.
Ein Stift merkt sich, was Du ihm sagst. Die KI merkt es sich nur, wenn Du es aufschreibst. Notier Dir, was Du immer wieder korrigierst, und gib es ihr beim nächsten Auftrag mit. Nach ein paar Wochen hast Du eine Einweisung, die nach Dir klingt, und der erste Entwurf kommt schon deutlich näher an Dich heran.
Dein Schreibtisch muss also nicht weiter überquellen. Was Du brauchst, ist ein Stift, den Du gut anlernst, und der kurze Blick am Schluss. Den Sonntagabend kannst Du dann für was anderes nehmen.
Der Stift schreibt. Die Unterschrift bleibt Deine.
Das Prinzip zum Download gibt es auf derneuestift.de.